Analysegrundlage · Primärquelle
Public Eye: «Die Weltkarte der Schweizer Minen»
Autoren: Manuel Abebe & Adrià Budry Carbó · Erschienen: 16. September 2025
Herausgeber: Public Eye, Dienerstrasse 12, 8021 Zürich (Schweiz)
URL: publiceye.ch/de/die-weltkarte-der-schweizer-minen
Zuletzt abgerufen: April 2026

Dieses Essay kommentiert, analysiert und diskutiert die genannte Publikation im Rahmen des urheberrechtlich zulässigen Zitatrechts (Art. 25 URG Schweiz). Alle direkten Zitate sind mit Quellenverweis und Fussnote gekennzeichnet. Längere Passagen wurden paraphrasiert und klar als inhaltliche Wiedergabe des Originals attributiert.

Public Eye, die Schweizer NGO, hat mit grossem Rechercheaufwand 199 Minen kartiert, die Schweizer Rohstoffhändler auf sechs Kontinenten betreiben oder mitfinanzieren.¹ Das Ergebnis: eine interaktive Weltkarte voller Symbole für Vertreibung, Umweltzerstörung, Tote und gebrochene Versprechen. Glencore, Vale, BHP, Trafigura, Nornickel – die üblichen Verdächtigen. Die Botschaft der Autoren Abebe und Budry Carbó ist unmissverständlich: Die Schweiz profitiert als Steueroase und Handelsplatz, während anderswo Dämme brechen, Indigene vertrieben werden und Bergleute sterben. In ihrer Zusammenfassung schreiben sie, «Vertreibungen, Umweltzerstörung und lebensgefährliche Arbeitsbedingungen» gehörten «zum Geschäftsmodell».² Wer diese Anklage einfach wegwischt, macht es sich zu leicht. Wer sie unkritisch übernimmt, macht sich zum Propagandisten einer Ideologie, die das grösste Dilemma der modernen Zivilisation nicht löst – sondern verdrängt.

Als Investor, Analyst und Beobachter der Rohstoffmärkte ist es meine Pflicht, diesen Bericht ernst zu nehmen – und ebenso ernst, ihn kritisch zu durchleuchten. Denn die Wahrheit liegt, wie immer, nicht in der NGO-Broschüre und nicht in den Hochglanz-Geschäftsberichten der Konzerne. Sie liegt im Spannungsfeld zwischen unbequemer Realität und der noch unbequemeren Frage: Was ist die Alternative?

199
Aktive Schweizer Minen weltweit
25
Beteiligte Rohstoff­händler
6
Kontinente
77%
Transition-Minen mit Vorwürfen laut BHRRC
>70%
Kobalt-Produktion DRK durch Schweizer Konzerne kontrolliert

I. Der Befund
Was Public Eye dokumentiert – und was zu sagen ist

Die Recherche von Manuel Abebe und Adrià Budry Carbó ist methodisch sauber und inhaltlich bedrückend. Zehn Fallstudien illustrieren, was es bedeutet, wenn Rohstoffriesen mit Schweizer Hauptsitz auf Ressourcen in einkommensschwachen Ländern zugreifen. Ich will nicht so tun, als wären diese Fälle erfunden oder übertrieben.

DRK · Kobalt
Einsturz von Kolwezi — Glencores Schatten über dem Bergbau

Am 27. Juni 2019 stürzten auf dem Konzessionsgebiet der Kamoto Copper Company, einer Glencore-Tochter, zwei Stollen ein. Das lokale Rote Kreuz dokumentierte bis zu 80 Todesopfer. Glencore betonte laut Public Eye umgehend die Illegalität der Kleinstbergleute und dementierte jeden Zusammenhang mit den eigenen Aktivitäten.³ Was diese taten, war technisch korrekt. Was sie bewegte, war existenzielle Not. Ein namentlich nicht genannter Bergmann aus Kolwezi erklärte gegenüber dem belgischen Sender RTBF — wiedergegeben bei Public Eye:

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Es ist gefährlich, aber wir haben keine Wahl.

Quelle: Anonym, Kleinstbergarbeiter Kolwezi (DRK) · Orig. publiziert: RTBF (2023): «Transition énergétique: au Congo, l’enfer des creuseurs de cobalt» · Wiedergegeben bei: Abebe / Budry Carbó, Public Eye, 16. Sept. 2025

Das ist die Realität. Und sie verdient nicht Wegschauen, sondern Verstehen.

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Brasilien · Eisenerz
Vale und der Weltuntergang von Brumadinho

272 Tote. 13 Millionen Kubikmeter Schlamm mit bis zu 80 km/h. Minenarbeiter beim Mittagessen begraben. Der zweite Dammbruch eines Vale-Projekts in drei Jahren. Die deutsche TÜV Süd hatte den Damm trotz interner Warnungen zertifiziert — laut Public Eye unter möglichem Druck des Auftraggebers, eine kritische Zertifizierung zu vermeiden. Vale wirbt heute auf der eigenen Website mit dem Slogan:

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Wir werden Brumadinho nie vergessen.

Quelle: Vale S.A., Konzernwebsite (vale.com) · Wiedergegeben bei: Abebe / Budry Carbó, Public Eye, 16. Sept. 2025

Vale führt sein gesamtes Handelsgeschäft über eine Niederlassung in Saint-Prex VD — und geniesst damit den Schutzschirm des Schweizer Finanzplatzes. Dass dies moralisch problematisch ist, lässt sich kaum bestreiten.

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Russland · Nickel
Nornickel – die Stadt, die stirbt

Norilsk ist laut NASA-Messungen der weltweit grösste Schwefeldioxid-Emittent — eine Tatsache, die Public Eye unter Verweis auf Satellitendaten der US-Raumfahrtbehörde dokumentiert. Arktischer Wald wurde kilometerweise zerstört. 2020 liefen 21’000 Tonnen Diesel in Flusssysteme. Die russische Rekordbusse von 1,9 Milliarden Franken änderte kaum etwas. Das Nickel wird bis heute in Zug gehandelt — seit über 20 Jahren. Das ist nicht bloss ein Reputationsproblem – das ist ein systemisches Versagen der Regulierung.

Diese Fälle sind real. Die Kritik daran ist berechtigt. Wer als Investor in Mining-Aktien investiert, muss diese Realität kennen – nicht um sich schlechtzufühlen, sondern um die ESG-Risiken, regulatorischen Risiken und die Reputationsrisiken seiner Positionen korrekt einzuschätzen.

II. Die Debatte
Pro & Contra – Das Für und Wider des industriellen Bergbaus

Jeder ernsthafte Diskurs braucht die Bereitschaft, beide Seiten zu halten, ohne vorschnell eine zu verwerfen. Ich versuche das.

Contra Mining — Die Anklagen
Was die Kritiker sagen – und was stimmt
  • Menschenrechtsverletzungen sind dokumentiert: Vertreibungen, Tote, Schweigen der Behörden. Das ist Faktum, kein Vorwurf.
  • Die Schweiz fungiert als Steueroase: Gewinne fliessen nach Zug, die Folgekosten tragen die Abbauländer. Der strukturelle Asymmetrie ist eklatant.
  • Klimaversprechen werden gebrochen: Glencore betreibt Kohle bis 2070. Die Klimaziele des Pariser Abkommens und dieser Zeitplan sind unvereinbar.
  • Indigene Rechte werden systematisch missachtet: 54% der Transitionsminen liegen auf oder nahe indigenen Territorien. Das ist kein Zufall.
  • Greenwashing im grossen Stil: «Metallurgische Kohle» für die Energiewende einzurahmen ist argumentativer Taschenspielertrick.
  • Tiefseebergbau ohne Wissensgrundlage: Allseas und The Metals Company explorieren ein Ökosystem, das die Wissenschaft kaum kennt. Das Moratoriumsbegehren von 1000 Forschenden ist ernst zu nehmen.
  • Marktmacht schafft Rohstofffluch: Wenn drei Schweizer Konzerne 70% der kongolesischen Kobaltproduktion kontrollieren, ist das keine freie Marktwirtschaft mehr.
Pro Mining — Die Gegenwirklichkeit
Was die Kritiker verschweigen – oder unterschlagen
  • Ohne Bergbau keine Energiewende: Kupfer für Stromnetze, Kobalt für Batterien, Nickel für Speicher, Lithium, Bauxit, Mangan – die grüne Zukunft braucht mehr Mining, nicht weniger.
  • Mining schafft Einkommen in armen Regionen: In der DRK hängt ein Drittel des staatlichen Einkommens vom Bergbau ab. Ein Verbot würde nicht Wohlstand schaffen – es würde existenzielle Armut vertiefen.
  • Regularisierung, nicht Abolition: Die Alternative zum regulierten Industriebergbau ist nicht Idylle – es ist artisanaler Kleinstbergbau ohne jegliche Sicherheits- und Umweltstandards.
  • Schweizer Standards exportieren Governance: Konzerne mit Sitz in Rechtsstaaten unterliegen Druck durch Medien, NGOs, Investoren und Gerichte – anders als staatliche Bergbauunternehmen in China, Russland oder Weissrussland.
  • ESG-Fortschritte sind messbar: Die Branche hat in den letzten 20 Jahren reale Fortschritte gemacht – bei Sicherheitsstandards, Wasserrecycling, Emissionsreduktion. Nicht genug – aber nicht null.
  • Ressourcennationalismus ist keine Lösung: Wenn sich Schweizer Konzerne aus der DRK, Guinea oder Chile zurückzögen, kämen chinesische oder staatliche Akteure mit weniger Transparenz und weniger Rechenschaftspflicht.
  • Kohle bleibt Realität für 3 Milliarden Menschen: Südasien, Afrika und grosse Teile Südostasiens sind heute auf Kohle angewiesen. Der moralische Zeigefinger aus Genf löst diese Energiearmut nicht.

Die Frage ist nicht, ob Mining schmutzige Spuren hinterlässt. Die Frage ist, ob wir uns die Konsequenzen einer Welt ohne Mining auch nur vorstellen können – und ob wir bereit sind, ehrlich darüber zu sprechen.

— Dr. Joachim Friese, rohstoff-hotstocks.net

III. Helvetisches Dilemma
Die Schweiz als Rohstoffplatz – Segen, Fluch oder Systemfrage?

Public Eye hat einen echten wunden Punkt getroffen, der über Miningpolitik hinausgeht: die Rolle der Schweiz als Handelsplatz. Dass Glencore, Trafigura, Vale und Nornickel alle von Zug, Genf oder Lausanne aus operieren, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis einer bewussten Schweizer Standortpolitik: tiefe Steuern, stabiler Finanzplatz, diskrete Rahmenbedingungen, ein dichtes Netz von Investitionsschutzabkommen. Die Autoren des Berichts stellen fest, dass Schweizer Rohstoffhändler «auf sechs Kontinenten» aktiv sind und durch die vertikale Integration «vom Abbau bis zum Verkauf die gesamte Wertschöpfungskette kontrollieren».

Diese Abkommen sind das, was Public Eye zu Recht als «Schattengerichte» bezeichnet: intransparente Schiedsverfahren, vor denen Minenbetreiber Staaten auf Schadensersatz verklagen können – für regulatorische Entscheidungen, die dem Gemeinwohl dienen. Glencore hat Kolumbien wegen Minenentscheiden gleich mehrfach verklagt. Das ist ein strukturelles Problem, das regulatorischer Antworten bedarf.

⚠ Regulatorisches Risiko für Investoren

Die Forderungen von Public Eye nach einer Rohstoffmarktaufsicht, verschärfter Konzernverantwortung und verpflichtender Herkunftsdokumentation sind politisch realistischer geworden, seit die Konzernverantwortungsinitiative 2020 zwar gescheitert, aber mit 50,7% Volksmehrheit (ohne Ständemehr) überraschend stark war.

Für Investoren bedeutet das: Schweizer Rohstoffhändler wie Glencore (LSE: GLEN) tragen ein wachsendes regulatorisches Risiko, das in den Bewertungen noch nicht vollständig eingepreist ist. Eine verschärfte Gesetzgebung – unter dem Druck von EU-Lieferkettensorgfaltspflichten und ESG-Reportingstandards – würde die operative Kostenbasis erhöhen.

Dennoch ist die Schlussfolgerung von Public Eye – Regulierung und Kontrolle – die richtige Antwort, nicht Abschaffung. Ein regulierter Rohstoffplatz Schweiz mit echter Transparenz und Durchsetzungsmechanismen wäre nicht das Ende des Bergbaus. Er wäre seine Zivilisierung.

IV. Das grosse Paradox
Die Energiewende braucht mehr Mining – nicht weniger

Hier liegt der intellektuelle Kern des Problems, den Public Eye sorgfältig vermeidet. Die NGO fordert eine «gerechte Energiewende» — aber eine Energiewende braucht exponentiell mehr der Mineralien, für deren Abbau Schweizer Konzerne an den Pranger gestellt werden.

Die International Energy Agency (IEA) hat es in ihren Critical Minerals Reports berechnet: Ein Elektroauto benötigt sechsmal mehr Mineralien als ein konventionelles Fahrzeug. Eine Onshore-Windturbine verschlingt neunmal mehr mineralische Inputs als ein Gaskraftwerk gleicher Leistung. Für ein Netto-Null-Szenario bis 2050 müsste die globale Kobaltproduktion bis 2040 um das Siebzehnfache steigen, Lithium um das Neunundvierzigfache, Nickel um das Zwölffache.

Die NGO-Logik
Forderung: Weniger Mining, bessere Standards
  • Menschenrechte vor Profit: Erst Konsultation indigener Gemeinschaften, dann Abbau.
  • Umweltwirkungen zuerst bewerten: Keine neuen Minen ohne vollständige Ökosystem-Analyse.
  • Ressourcenverbrauch reduzieren: Recycling, Circular Economy, Effizienz statt Neuabbau.
  • Souveränität stärken: Abbauländer müssen mehr vom Rohstoffwert behalten.
Die physische Realität
Befund: Ohne radikale Mining-Expansion kein Klimaziel
  • Recycling deckt nur 20–30% des Bedarfs: Die Infrastruktur für Sekundärrohstoffe ist schlicht nicht vorhanden. Primärbergbau ist unausweichlich.
  • Konsultationsrechte und Genehmigungsverfahren dauern 15–20 Jahre: Das ist mit den Klimazielen mathematisch unvereinbar.
  • Ressourcenverbrauch wächst absolut: Die wachsende Mittelschicht Asiens und Afrikas will Kühlschränke, Smartphones, Autos. Dematerialisierung ist kein realistisches Szenario.
  • Kupfer-Gap wird kritisch: Die IEA warnt bereits vor strukturellen Angebotsdefiziten ab 2030. Neue Grossminen brauchen 10–16 Jahre vom Entdeckung bis zur Produktion.

Public Eye nennt dieses Paradox implizit, ohne es aufzulösen. Das ist intellektuell unehrlich. Wer die Energiewende will, muss den Bergbau wollen – und sich dann fragen, unter welchen Bedingungen. Das ist die eigentliche Debatte.

V. Gedankenexperiment
Eine Welt ohne Mining – was wäre das?

Stellen wir uns konsequent vor, was passierte, wenn das Mining – nicht reformiert, nicht reguliert, sondern abgeschafft würde. Dieses Gedankenexperiment ist kein Strohmann. Es ist die logische Endkonsequenz bestimmter Diskurse, die unter dem Stichwort «Degrowth» oder «Post-Extraktivismus» ernsthaft diskutiert werden.

Szenario — Welt ohne industriellen Bergbau

Was in 5, 10, 20 Jahren geschähe

  • Energieinfrastruktur kollabiert: Keine neuen Kupferkabel für Stromnetze, keine Nickel-Kobalt-Batterien für Speicher, keine Transformatoren. Das globale Stromnetz ist auf konstante Materialversorgung angewiesen. Ohne Mining keine Solaranlagen, keine Windturbinen, keine Leitungen.
  • 📱Digitale Wirtschaft verschwindet: Halbleiter brauchen Seltene Erden. Smartphones brauchen Tantal, Indium, Cobalt. Server brauchen Gold für Kontakte. Die digitale Transformation, auf die jeder Klimaplan setzt, ist ohne Mining undenkbar.
  • 🏥Medizin der Steinzeit: Titanium für Implantate, Platin für Katalysatoren in Pharmaprozessen, Spezialmetalle in MRT- und CT-Geräten. Chirurgische Instrumente aus Stahl. Die moderne Medizin hängt von tausend Mineralien ab.
  • 🌾Landwirtschaft ohne Dünger: Phosphat und Kali sind Grundlage aller mineralischen Dünger. Ohne sie ernährt die konventionelle Landwirtschaft nicht annähernd 8 Milliarden Menschen. Organischer Landbau allein reicht für die aktuelle Weltbevölkerung strukturell nicht aus.
  • 🚗Mobilität fällt zurück: Kein Stahl für Autos, keine Aluminium-Karosserien, keine Kupferwicklungen in Elektromotoren. Die globale Logistik – Container, Schiffe, Eisenbahnen – ist aus Bergbauprodukten gebaut.
  • 🏘️Wohnungsbau stoppt: Beton braucht Kalkstein. Stahl braucht Eisenerz. Sanitärinstallationen brauchen Kupfer. Ohne Mining ist ein Hochhaus ein physisches Ding der Unmöglichkeit.
  • 🌍Globale Armut explodiert: Milliarden Menschen in Abbauländern verlieren ihre primäre Einkommensquelle. Staatliche Einnahmen in der DRK, in Guinea, in Sambia, in Mongolei kollabieren. Die Folge wäre humanitäre Katastrophe in einem Ausmass, das jeden Bergbauunfall in den Schatten stellte.

Das ist keine Übertreibung. Es ist Physik und Ökonomie. Die moderne Zivilisation ist eine Bergbauzivilisation. Das war sie seit der Bronzezeit, und die Energiewende macht sie noch mehr dazu, nicht weniger. Die Frage lautet nicht «Mining oder keine Mining?» – sie lautet: Unter welchen Bedingungen, mit welchen Standards, in welchem regulatorischen Rahmen?

Mining ist nicht das Problem der Energiewende. Mining ist die Voraussetzung der Energiewende. Wer das ignoriert, betreibt keine Klimapolitik. Er betreibt Selbstbespiegelung.

— Analyse rohstoff-hotstocks.net

VI. Der Blick des Investors
Was diese Debatte für Bergbauaktien bedeutet

Als Anleger in Bergbauaktien wäre es naiv, den Public-Eye-Bericht als NGO-Aktivismus abzutun und zur Tagesordnung überzugehen. Er enthält reale Risikosignale:

Regulatorisches Risiko nimmt zu

Das EU-Lieferkettengesetz (CSDDD), das neue US-Conflict Minerals Reporting Framework und wachsender Druck durch institutionelle Investoren treiben die Compliance-Kosten nach oben. Konzerne, die heute in den dokumentierten Problemregionen operieren – DRK, Guinea, Guatemala – tragen höhere regulatorische Risikoprämien. Das sollte in die DCF-Bewertung einfliessen.

ESG als struktureller Kostenfaktor

Wasserrückgewinnung, Stollensicherung, Community-Konsultation, ökologische Ausgleichsmassnahmen – all das ist teuer. Konzerne, die früh in ESG-Standards investieren, vermeiden teure Nachzahlungen, Produktionsstopps und Klagewellen. ESG ist kein Wohlfühlfaktor. Es ist Risikomanagement. Barrick, Agnico Eagle und Wheaton Precious Metals haben das verstanden. Glencore hat noch Lernbedarf.

Kupfer ist strukturell bullisch – trotz allem

Die Nachfrageseite für Kupfer, Kobalt, Nickel und Lithium ist durch die Energiewende und die Dekarbonisierung der Industrie langfristig strukturell geprägt. Gleichzeitig verzögern Genehmigungsverfahren, ESG-Auflagen und Wasserknappheit die Erschliessung neuer Lagerstätten. Das Ergebnis ist ein wachsendes Angebotsdefizit – exakt die Ausgangslage für einen Superzyklus, den ich seit Jahren für Kupfer erwarte. Der Widerspruch zwischen NGO-Druck und physischem Bedarf macht das Metall nicht schwächer. Er macht es teurer.

Geopolitik verschärft die Lage

Wenn sich westliche Konzerne – unter ESG-Druck – aus der DRK oder Guinea zurückziehen, treten chinesische Staatsunternehmen ohne Reportingpflichten an ihre Stelle. Das hat Public Eye recht: Dieses Szenario schützt weder die Umwelt noch die indigenen Gemeinschaften. Es verlagert die Kontrolle an Akteure mit noch weniger Transparenz. Für westliche Mining-Investoren bedeutet das: Qualitätsunternehmen mit robusten ESG-Frameworks werden relativen Zugang zu kritischen Jurisdiktionen behalten – und damit langfristig Wettbewerbsvorteile gegenüber Nachzüglern.

VII. Eigene Position
Was notwendig ist – jenseits der Ideologie

Ich schliesse mit einer Position, die weder die NGO-Propaganda übernimmt noch die Konzernkommunikation reproduziert.

Standpunkt rohstoff-hotstocks.net

Erstens: Mining ist alternativlos. Jede politische Debatte, die diesen Ausgangspunkt leugnet, ist entweder uninformiert oder unehrlich. Die Frage ist nicht ob, sondern wie.

Zweitens: Die dokumentierten Missstände sind real und verlangen Antworten – von Unternehmen, von Regulatoren, von Investoren. ESG ist kein Lippenbekenntnis, es ist Voraussetzung für die gesellschaftliche Lizenz zur Produktion.

Drittens: Die Schweiz hat eine Verantwortung. Nicht als Vollstrecker einer NGO-Agenda – aber als Rechtsstaat, der sicherstellt, dass Konzerne mit Schweizer Hauptsitz international denselben Standards unterliegen wie zuhause. Das ist keine Ideologie. Das ist Konsequenz.

Viertens: Investoren sind keine Komplizen. Wer in Bergbauaktien investiert, finanziert die Rohstoffbasis der modernen Welt – einschliesslich der Energiewende. Das ist keine Schande. Es ist eine ökonomische und zivilisatorische Notwendigkeit. Die Pflicht des Investors: Unternehmen auszuwählen, die diese Notwendigkeit mit menschlichem Mass ausüben.

Public Eye hat mit seiner Weltkarte der Schweizer Minen eine unbequeme Debatte angestossen. Das verdient Anerkennung. Was fehlt, ist der zweite Schritt: der Mut, die physische Alternativlosigkeit des Bergbaus anzuerkennen – und daraus nicht Kapitulation, sondern ein konkretes Reformprogramm zu machen. Das wäre echter Weitblick. Der Rest ist Moral ohne Lösung.

Fazit

Mining: Das grosse Dilemma, das keine einfache Antwort kennt

Die Welt ist auf Bergbau angewiesen – heute mehr denn je. Die Energiewende ist kein Ausstieg aus dem Mining, sie ist ein massiver Einstieg in neue Mineralien. Gleichzeitig sind die sozialen und ökologischen Wunden des Bergbaus real, messbar und inakzeptabel, wo sie hätten verhindert werden können. Diese beiden Wahrheiten gleichzeitig zu halten, ohne eine zu opfern, ist die Herausforderung. Wer sich nur für eine entscheidet, hat die Komplexität des Problems nicht verstanden.

Als Investoren, Analysten und aufmerksame Bürger einer kleinen Rohstoffnation müssen wir beides einfordern: die physische Leistung der Industrie und die zivilisatorischen Standards, unter denen sie erbracht wird. Das ist nicht naiv. Das ist die einzige Haltung, die der Realität gerecht wird.

Quellenverzeichnis & Zitatnachweis

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¹

Primärquelle des Essays: Abebe, Manuel & Budry Carbó, Adrià (2025): «Die Weltkarte der Schweizer Minen». Public Eye, Zürich. Erschienen: 16. September 2025.
URL: publiceye.ch/de/die-weltkarte-der-schweizer-minen
Abgerufen: April 2026. — Gesamter Recherchebericht über 199 kartierte Minen von 25 Schweizer Rohstoffhändlern auf sechs Kontinenten (Stand: Juli 2025).
²

Direktzitat aus der Primärquelle (Public Eye, 2025): «Vertreibungen, Umweltzerstörung und lebensgefährliche Arbeitsbedingungen gehören zum Geschäftsmodell.» [8 Wörter] — Abebe / Budry Carbó, a.a.O., Einleitung / Zusammenfassung.
Zitat dient der analytischen Auseinandersetzung mit der Kernthese der Autoren. Verwendung gemäss Art. 25 URG.
³

Paraphrase einer Glencore-Stellungnahme, wiedergegeben bei: Abebe / Budry Carbó, Public Eye (2025), a.a.O., Fallstudie «Der Einsturz von Kolwezi». Glencore betonte demnach die Illegalität der Kleinstbergleute und verwies darauf, es gebe keinen Zusammenhang zwischen den Aktivitäten der Kamoto Copper Company (KCC) und den Stolleneinstürzen vom 27. Juni 2019. — Vgl. auch: Glencore Sustainability Report 2019, S. 65.
URL: glencore.com (PDF, 2019 Sustainability Report)


Direktzitat eines anonymen Kleinstbergarbeiters aus Kolwezi (DRK): «Es ist gefährlich, aber wir haben keine Wahl.» [9 Wörter] — Originalquelle: RTBF (2023): «Transition énergétique: au Congo, l’enfer des creuseurs de cobalt». Belgischer öffentlich-rechtlicher Rundfunk.
URL: rtbf.be (2023)
Wiedergegeben bei: Abebe / Budry Carbó, Public Eye (2025), a.a.O. — Die zitierende Person ist nicht Autor der Primärquelle; das Zitat entstammt einem eigenständig publizierten journalistischen Bericht und wird hier in doppelter Sekundärattribution verwendet.


Paraphrase des Brumadinho-Sachverhalts: Abebe / Budry Carbó, Public Eye (2025), a.a.O., Fallstudie «Der Weltuntergang nach Vale». — Quellenangaben der Autoren: Reuters (2020); Swissinfo (2019); Youtube-Archivaufnahme (2019).
Ergänzend: Reuters (2020): «Brazil’s Vale ordered to set aside $1.48 billion for Brumadinho dam damages».
URL: reuters.com (2020)


Direktzitat des Vale-Unternehmensslogans: «Wir werden Brumadinho nie vergessen.» [5 Wörter] — Quelle: Vale S.A., Konzernwebsite (vale.com), Rubrik «Sustainability» / «Brumadinho». Wiedergegeben bei: Abebe / Budry Carbó, Public Eye (2025), a.a.O.
Das Zitat ist ein von Vale selbst veröffentlichter Werbetext auf der eigenen Unternehmenswebsite und stellt keinen urheberrechtlich geschützten Werkcharakter dar (keine Schöpfungshöhe i.S.d. Art. 2 URG). Dennoch vollständige Quellenangabe aus Transparenzgründen.


Paraphrase des Nornickel/Norilsk-Sachverhalts: Abebe / Budry Carbó, Public Eye (2025), a.a.O., Fallstudie «Nornickels serielle Umweltzerstörung». Quellenangaben der Autoren: NASA-Satellitenmessungen; Public Eye (2020 & 2021); Inside Climate News (2021); Gesellschaft für bedrohte Völker (2021).
Vgl. auch: Inside Climate News (2021): «’A Trash Heap for Our Children‘: How Norilsk, in the Russian Arctic, Became One of the Most Polluted Places on Earth».
URL: insideclimatenews.org (2021)


Paraphrase mit zwei kurzen Sinnelementen aus der Primärquelle: «auf sechs Kontinenten» sowie «vom Abbau bis zum Verkauf die gesamte Wertschöpfungskette kontrollieren» — Abebe / Budry Carbó, Public Eye (2025), a.a.O., Abschnitt «Schweizer Steuerparadies und Investitionshafen» sowie Einleitung.
Diese Wendungen sind beschreibende Sachaussagen ohne eigenschöpferischen Charakter und wurden zur präzisen Attributierung der Quellenaussage in den Zitatkontext eingebettet.
+

Business & Human Rights Resource Centre (BHRRC): «Transition Minerals Tracker» — Studie über Menschenrechts- und Umweltvorgänge in rund 250 Minen für Transitionsmineralien. Erwähnt bei: Abebe / Budry Carbó, Public Eye (2025).
URL: business-humanrights.org
+

Global Witness (2023): «Missing Voices» — Bericht über getötete Menschenrechtsverteidiger im Bergbausektor. Erwähnt bei: Abebe / Budry Carbó, Public Eye (2025).
URL: globalwitness.org
+

IEA — International Energy Agency: «Critical Minerals Reports» (fortlaufend). Grundlage für die im Essay genannten Mengenangaben zur Rohstoffnachfrage im Kontext der Energiewende (Kobalt ×17, Lithium ×49, Nickel ×12 bis 2040).
URL: iea.org/topics/critical-minerals

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Analyse basierend auf: Abebe / Budry Carbó, Public Eye, «Die Weltkarte der Schweizer Minen», 16. September 2025 — publiceye.ch/de/die-weltkarte-der-schweizer-minen · Alle Direktzitate mit Quellennachweis, siehe Quellenverzeichnis · Verwendung gemäss Art. 25 URG (Zitatrecht) · Keine Anlageberatung · rohstoff-hotstocks.net, Bettmeralp CH, © April 2026.